Lacan verstehen: Das Unbewusste


Soll die Psychoanalyse sich als Wissenschaft vom Unbewußten konstituieren, ist davon auszugehen, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert ist.  (Lacan 1974, S. 213)
Triebe sind laut Freud seit Geburt an in uns verankert und lungern in den Katakomben unseres Unterbewusstseins herum. Es sind verschiedene Arten von Trieben die es sich dort gemütlich gemacht haben. Da wären der Trieb nach Nahrung, der Trieb nach Wasser und, natürlich, der Trieb nach Sexualität. Aber auch weniger offensichtliche Triebe, wie der Trieb nach Anerkennung und der Trieb nach Sicherheit, haben sich dort eingenistet. 
Geht man nach Freud, so ist eine besondere Eigenart dieser Triebe die, dass sie sich nie direkt bei unserem Bewusstsein zu Wort melden, sondern immer mithilfe eines Repräsentanten. Dieser Repräsentant ist die Vorstellung und wann immer wir den Trieb nach Anerkennung verspüren, dann nicht weil sich der Trieb die Mühe gemacht hat uns dies mitzuteilen, nein, weil er die Vorstellung vorgeschickt hat um mit uns Kontakt aufzunehmen (natürlich Metaphorisch gesprochen).
Diese Beziehung zwischen dem Trieb einerseits, und der Vorstellung als Repräsentanten des Triebes andererseits, nennt Freud Vorstellungsrepräsentanz. Folgt man dieser Sichtweise, dann verdrängen wir, wenn wir z.B den Trieb nach Sexualität ignorieren, nicht den Trieb, sondern unsere Vorstellung des Triebes, die als Repräsentantin des Triebes fungiert. Wir schicken also lediglich die Vorhut wieder nach Hause, während wir den eigentlichen Trieb nie zu Gesicht bekommen.

Lacan, der sich auf eben jene Vorstellungsrepräsentanz bezieht, geht nun einen Schritt weiter und übersetzt die deutsche Vorstellungsrepräsentanz in das französische représentant de la représentation: Der Repräsentant der Vorstellung. 
Wie bei Freud operiert auch Lacan mit einer Relation aus zwei Elementen, einem repräsentierenden Element und einem repräsentierten Element. Die Vorstellung hat in dieser Beziehung bei Lacan jedoch eine andere Funktion als bei Freud. Für Lacan ist das repräsentierte Element die Vorstellung und das repräsentierende Element die „Repräsentanz” – die Vorstellung wird repräsentiert durch die „Repräsentanz (Rolf Nemitz, 2017)
Während bei Freud also der Trieb versucht eine Botschaft an und zu schicken und die Vorstellung losschickt um sie uns mitzuteilen, ist es bei Lacan die Vorstellung die die Botschaft schickt (als repräsentiertes Element) und die Repräsentanz die uns diese mitteilt (als repräsentierendes Element).
Was Lacan getan hat ist Freuds Konzept der Vorstellungsrepräsentanz auf seinen eigenen Begriff des Signifikanten anzuwenden (aber dazu vielleicht ein andermal mehr).


Das Unbewusste als Sprache

Lacan meint, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist. Natürlich behauptet er damit nicht,  dass das Unbewusste wie eine existierende Sprache funktioniert, also Deutsch oder Englisch mit uns spricht, sondern dass es zwischen unbewussten Elementen die gleiche Beziehung besteht, wie zwischen Elementen einer Sprache. Es gibt also eine Art Grammatik, der das Unbewusste folgt und bestimmten Regeln, die man entschlüsseln (lesen) kann.
Das Unbewusste ist nun nicht zwangsläufig 'unser' Unbewusstes, in dem Sinne, dass dort unsere eigenen Verlangen, Triebe und Wünsche lauern und sich mittels einer Repräsentanz (siehe die Vorstellungsrepräsentanz weiter oben) und einer, der Sprache ähnlichen Struktur, mitteilt.
Laut Lacan ist das Unbewusste sogar voll von fremden Einflüssen, die sich, ohne dass wir es mitbekommen haben, neben den Urtrieben eingenistet haben. Wie könnte es sonst sein, dass wir manchmal das Gefühl haben, dass wir das, was wir gerade tun, eigentlich gar nicht wollen? Wie kann es sein, dass wir innere Konflikte austragen und uns manchmal sogar sicher sind: "Halt, das bin ich nicht, das will ich nicht!" und trotzdem fortfahren, genau das zu tun, von dem wir glauben es weder sein noch tun zu wollen. Man stelle sich die Mutter vor, die ihrem Kind den Rat auf den Weg gibt, immer höflich und nett zu anderen zu sein. Man stelle sich den Bruder vor, der seiner Schwester andauernd eintrichtert, sie solle sich nicht so anstellen. Und man stelle sich den Vater vor, der seine Kinder maßregelt und nichts geringeres fordert als den Erfolg in der Schule, im Studium und im Leben. Das sind ganz schön viele Verlangen, fremde Verlangen, die uns von Beginn an durchdringen und beherrschen. Mittels Sprache werden sie uns mitgeteilt, im Unbewussten werden sie gelagert.

Das Unbewusste ist voll von dem Gerede anderer Menschen, deren Unterhaltungen und deren Ziele, Träume und Fantasien (Lacan, zit. in Fink 1996, S. 10) 
 In Christopher Nolan's "Inception" geht es um Dominick Cobb der mithilfe seines Teams in die Träume anderer Menschen eindringt und ihnen dort fremde Ideen in das Bewusstsein einpflanzt. Auf weniger dramatische Weise dringen auch wir in unserem Alltagsleben in das Bewusstsein anderer Menschen ein und setzen ihnen, mithilfe unserer Sprache, Dinge in ein, die sie ohne es zu bemerken beeinflussen.
Laut Lacan dient die Signifikantenkette in unserem Unbewussten als eine Art Speicherkarte, die gesprochene Worte aufnimmt und sich führ uns an sie erinnert ohne dass wir uns dessen je bewusst sind. Vielleicht rufen wir die gesprochenen Worte irgendwann ab. Vielleicht auch nicht. Klar ist jedoch, dass diese Signifikantenkette dafür verantwortlich ist, dass wir nie etwas vergessen, im Zweifel nur nicht darauf zugreifen können

Weiterführendes:

Quellen

Sigmund Freud - Triebe und Triebschicksale (1915)
Rolf Nemitz - Die Vorstellungsrepräsentanz (2017)
Bruce Fink - The Lacanian Subject (1997)




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